Katzenmachoautor (1989) als Pegidareferent (2015)

Bei seinem Erscheinen 1989 war der Katzenkrimi „Felidae“ von AKIF PIRINCCI für mich eine Entdeckung. Die Idee, eine kaputte Welt aus der Sicht des ebenso kaputten Macho-Katers Francis darzustellen und vor allem uns Männern damit einen Spiegel vorzuhalten, faszinierte mich. Ich fand den Krimi spannend und geeignet, in meiner Bibliothek „Patriarchatskritische Männerliteratur“ (A040) zur Auseinandersetzung einzuladen.

Der Roman regte auch feministische Autorinnen zu Stellungnahmen und Kritik an. Stellvertretend die Meinung von EMMA: Pirinçci hat sich mit den Felidae-Romanen „sensibel in die Katzenseele“ eingefühlt, es mangelt ihm jedoch an Empathie für Frauen.

Seit Oktober 2015 bin ich nun mit einem ganz andern AKIF PIRINCCI konfrontiert. Zum Jahrestag der PEGIDA-Demonstrationen am 19. Oktober 2015 in Dresden trat er als „Stargast“ auf. Seit dieser Rede ist Pirinçci nicht mehr der Krimiautor sondern der „KZ-Redner“

Der Wortlaut des extremsten Teils seiner Rede: „Offenkundig scheint man bei der Macht [konkret bezogen auf einen namentlich genannten, für Flüchtlingsunterbringung zuständigen Regierungspräsidenten] die Angst und den Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben, dass man ihm schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn er gefälligst nicht pariert. [Pause, Beifall vom Publikum, „Widerstand“-Rufe] Es gäbe natürlich auch andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb. [Beifall vom Publikum]

Pirinçci bezeichnete in seiner Rede Politiker außerdem als „Gauleiter gegen das eigene Volk“, das heutige Deutschland als „Scheißstaat“ und Asylbewerberinnen als „flüchtende Schlampen“. Muslime würden „Ungläubige mit ihrem Moslemsaft vollpumpen“, es drohe eine „Moslemmüllhalde“ in Deutschland. Bündnis 90/Die Grünen nannte er eine „Kinderfickerpartei“ und den Sprecher der Erfurter Moschee einen „Moslemfritzen mit Talibanbart“, der mit der deutschen Kultur so viel gemein habe „wie mein Arschloch mit Parfümherstellung“.

 Was ist mit diesem Mann los: Ein äusserst erfolgreicher Krimischriftsteller, als Zehnjähriger mit seinen Eltern aus der Türkei eingewandert und offensichtlich ein erfolgreiches Beispiel gelungener Integration, entpuppt sich als Hass-Schreier ausser Kontrolle!?

Im SPIEGEL 46-2015 versucht Jan Fleischhauer dieser Frage nachzugehen und die irritierende Selbstzerstörung eines Mannes einfühlsam zu beschreiben. Ich lese diesen hervorragenden Artikel mit grossem Respekt und Gewinn und bin betroffen über die destruktiven Folgen verdrängter und überspielter Verletzungen im Leben eines Mitmenschen. Bezeichnenderweise trägt der Beitrag den Titel „Der Aussätzige“ – Akif Pirinçci brachte es mit Katzenromanen zu Ruhm und Reichtum. Jetzt ist er nur noch der Autor mit der „KZ-Rede“. Wie konnte es so weit kommen? (Der Aussätzige – SPIEGEL2015_46 Akio Pirinçci)

Der Autor verfolgt die Entwicklung des jugendlichen Pirinçci zum „Berserker“ vom Oktober 2015: Der Junge, der mit seinen Eltern immigrierte, war fast ausschliesslich sich selbst überlassen. 12 Stunden am Tag waren beide Eltern fort, inklusive Samstag. Ein Schlüsselkind, welches irgendwie herausfinden musste, wie die fremde Welt um ihn herum funktionierte. Einziger Ausländer in der Klasse, von schmächtiger Gestalt, flüchtete Akif in die Welt der Bücher und Filme. Nur den Hauptschulabschluss schaffte er. Er fand einfach keine Zeit zu lernen, denn er musste schreiben. Mit 14 brachte er das Script eines Kurzfilms zum „Aussenseiterproblem“ beim Bayrischen Rundfunk unter; mit 16 gewann er für ein Hörspiel einen Preis des Hessischen Rundfunks und mit 20 war sein erster Roman auf dem Markt.

Mit seinen Felidae-Krimis wurde er berühmt und reich; mit Facebook, bei dem er vor 5 Jahren sein Profil zulegte, entdeckte er eine Wirkung seiner Beiträge, die er von seinen Büchern her nicht kannte: persönlich, direkt und sehr emotional. Aus dem Romanautor entwickelt sich der Berserker Pirinçci. Hier kann er ausprobieren, was funktioniert. Er lässt sich durch die Kommentare buchstäblich aufgeilen und er lernt, dass die Zustimmung wächst, je ordinärer und zotiger er auftritt.

Es macht ihm Spaß, Menschen zu provozieren, um zu sehen, wie sie reagieren. Dazu kommt ein ausgeprägtes Faible für das Drastische. Über eine Facebook-Freundin lässt sich Pirinçci für die folgenreiche Festrede überreden und seitdem ist alles anders: Er ist ein Ausgestossener: niemand will etwas mit ihm zu tun haben: Gastwirte verweigern seine Bewirtung; Buchverlage und Buchvertriebe nahmen seine Bücher vom Angebot. Als Autor existiert er nicht mehr.

Jedoch, Pirinçci ist nicht nur Ausgestossener, er ist auch Sündenbock einer selbstgerechten, überheblichen und selbstverleugnenden Gesellschaft. In dem man ihn vernichtet, ausgrenzt, vermeint man, sich nicht mit dem eigenen Anteil an Menschenverachtung, dem unterschwelligen Rassenhass und der Fremdenfeindlichkeit und letztlich der eigenen Angst vor dem Fremden, auseinandersetzen zu müssen.

Ich bin dem Autor Jan Fleischhauer dankbar für die sorgfältige Mikrostudie unserer Gesellschaft und den Spiegel, in dem wir viel zu selten bewusst uns selber anschauen.

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