Neue Krankheit: die Angst vor Reaktionen.

Umgang mit Homosexuellen: Vorauseilende Feigheit

Eine Kolumne von Sibylle Berg

Eine Psychologin findet, dass es Kinder aus der Bahn wirft, wenn zwei Männer heiraten. Die CDU denkt, dass manche Realschüler KZs nicht verstehen. Die Angst vor der Schadennahme regiert – und mit ihr die Intoleranz.

So, können Homosexuelle in Irland jetzt heiraten? Prima. Danke. Kurz hakt etwas unter dem Konfettiregen der Freude nach. Wie fühlt sich ein erwachsenes Paar, wenn die Menschen in seiner Umgebung – der Bäcker, der Nachbar, die Lehrerin, die dumme Trine von gegenüber – entscheiden dürfen, wie es sein Leben verbringt?

Hat es nicht etwas absurd Gönnerhaftes, den Homosexuellen das irre Privileg der Eheschließung zu schenken? Ist die Durchsetzung von Menschenrechten nicht eher Aufgabe einer vernünftigen Gesetzgebung? Funktioniert auch in der Schweiz und in Deutschland hervorragend. Das war Ironie, und weiter in der Aufarbeitung der vergangenen Woche.

Eine neue Krankheit legt weite Teile der Bevölkerung lahm: Neue. Alle könnten irgendwie reagieren. Wie furchtbar. Am besten, man entscheidet gar nichts mehr. Die CSU hat Angst, dass Schulkinder mit Migrationshintergrund – sagt man das noch so? Sind nicht alle, die hier leben und in die Schule gehen, so etwas wie die Bevölkerung Deutschlands? Die CSU ist auf jeden Fall gegen einen KZ-Pflichtbesuch von Realschülern im Rahmen des Unterrichts, denn sie nimmt an, dass einige jugendliche Teile der Bevölkerung zu blöd dafür sind. Das sagt sie eleganter.

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Eine weitere Angst vor Schadennahme ging in der vergangenen Woche von der inzwischen weltberühmten Psychologin Barbara Eggert aus, die zum Wohle von Kindern einem Mann empfahl, der Hochzeit seines Bruders fernzubleiben. Der heiratet einen Mann.Ja, das hätte die Kinder wirklich aus der Bahn werfen können. Zwei Menschen, die sich lieben. Der reinste Horror. Nun kommen wir zu Angst vor Reaktionen Teil drei: Die Zeche Zollverein verweigert jugendlichen Homosexuellen das Steigenlassen von Herzchen-Ballons am Welttag gegen Homophobie, weil sich Kinder wundern könnten.

Merken Sie etwas? Andauernd wird irgendein Bevölkerungsteil vorgeschoben, wenn man eigentlich sich selbst meint. Wenn die CSU Kinder für zu dumm hält, ein KZ zu begreifen, ein Veranstaltungsbüromitarbeiter Angst hat, dass Kinder von Ballons Herzrhythmusstörungen bekommen, oder eine Zeitungsredaktion den verzagten Bullshit einer Psychologin druckt, dann heißt das nur eins: Solange ihr erwachsenen Menschen eure Wertmaßstäbe nicht überprüft, werdet ihr sie an Kinder weitergeben, die sie an ihre Kinder weitergeben.

So einfach ist das. Diese mitgedachten Reaktionen, diese unsägliche Feigheit, die momentan Behörden, Vereine und Einzelne einnässen lässt, macht die Erde nicht zu einem besseren Ort. Sondern zu einem Platz, an dem die Dummheit, die Intoleranz – sprich alles Rechtsnationale, Menschenfeindliche – gewinnen.

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